irgendwoanders. screening




KünstlerInnen

Marc Bijl, Shahram Entekhabi, Jakup Ferri, Antje Mayer, Lisl Ponger, Daniel Gad, Sislej Xhafa





Marc Bijl

geboren 1973 Leerdam / Niederlande
Lebt und arbeitet in Rotterdam und Berlin
Objekte, Mixed Media, Installationen, Interventionen
Themen: Phänomene der Macht, Strukturen von Gläubig- und Hörigkeit der Gesellschaft

2001 Stedelijk Van Abbemuseum, Eindhoven
2002 Manifesta 4 Frankfurt; Future/present - Artissima Turin; Kapinos Galerie, Berlin; Künstlerhaus Bethanien, Berlin; Projektraum K&S Berlin; TENT Rotterdam
2003 Biennale Prag; Casco, Utrecht; Magazin 4, Bregenz; Kunstverein Frankfurt; Neue Galerie, Graz; Smart Space Projects, Amsterdam; Bergman, Frankfurt
2004 Stedelijk Museum, Amsterdam; Deutsches Hygiene-Museum, Dresden; The Breeder, Athen; Upstream Gallery, Amsterdam; Giorgio De Kiriko Museum, Volos
2005 Urbane Realitäten: Fokus Istanbul Martin Gropius Bau, Berlin

“I don´t believe that the majority of the people are interested in peace; they want a war, a function for the army, a reason to pay taxes, protection of their living standard, and a confirmation of Western civilization.“ Marc Bijl

Marc Bijl ist ein Künstler, der sich mit sozialen Themen und den dazugehörigen Regeln und Symbolen auseinandersetzt. Das kann in Interventionen oder Installationen zum Ausdruck kommen, die diese Wahrnehmung der Welt untergraben oder unterstreichen. In seinen Arbeiten verändert er nicht die innere Struktur der behandelten Thematik, sondern lediglich deren Erscheinungsbild oder Mythos. Ob diese Mythen nun durch Religionen, Nationen, Firmen oder die Kunstwelt hervorgerufen wurden, Ausgangspunkt ist meist eine Vereinfachung komplexer Strukturen. Marc Bijl möchte neue Mythen schaffen und andere zerstören, indem er künstliche Übertreibungen benutzt, die realistisch aussehen. Marc Bijl beschäftigt sich mit Phänomenen der Macht, untersucht Strukturen von Gläubig- und Hörigkeit der Gesellschaft in Bezug analysiert deren Werte anhand geschaffener Ideale und Idole, legt die komplexen Strukturen der Religion, der Kunstszene sowie Symbole der modernen Markengesellschaft frei. Bijl ist ein Seismograph der minimalste Veränderungen in der Gesellschaft ortet und aufzeichnet. Seine (Video)aufführungen spielen mit unseren Eindrücken des öffentlichen Raums und seine Installationen und Objekte sind Ikonen von momentanem Fanatismus, die zu Nationalismus, Terrorismus, religiösem Fanatismus und schließlich zum Tod führen können. Aber, laut Künstler, die menschliche Natur braucht eine gewisse Struktur viel eher als Freiheit. Von diesem Gesichtspunkt aus sind öffentliche Räume Gefahrenzonen, auch wenn es eine Kunstinstitution ist.

To protect and serve, 2004

Die berüchtigten „Zehn Gebote" als Ausstellungsthema im Dresdener Hygiene-Museum Wachpersonal am Eingang zur Ausstellung untersucht die Bewohner nach Waffen oder sonstigen gefährlichen Gegenständen. Damit kommt man, ohne es zu merken, mit der ersten künstlerischen Arbeit in Berührung. Die uniformierten Frauen und Männer sind Teil der Performance To protect and to serve von Marc Bijl. Das mulmige Gefühl zwischen Scham und Ängstlichkeit, das sich bei einer solchen Prozedur einstellt, steigert die Spannung für eine Schau, die man im Hygiene-Museum gewiss nicht erwartet hätte: Die Zehn Gebote. …

außerdem zeigen wir: Free Trade und Just another flag


Shahram Entekhabi

geboren 1957 in Beroujerd/Iran

1976-1979 Grafikdesignstudium an der Universität Therean/Iran
1979-1982 Studienaufenthalte in Italien (Architektur und Italienisch)
Seit 1983 in Berlin
1983-2000 freier Architekt in Berlin
seit 2001 Videoarbeiten, Fotografie, Installationen, Einzelausstellungen
Seit 2002 Teilnahme an zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen, sowie Wettbewerben. Seine Arbeiten werden bei Festivals und Screenings u.a. in Italien, Mazedonien, Russland, Deutschland und Spanien gezeigt.

happy meal, 2004
video, 12:10 min, color/sound

Die Videoarbeit Happy Meal zeigt ein mit einem Tschador verhülltes, kleines Mädchen, das mit Wonne in einem Mc-Donalds-Restaurant ein speziell für Kinder kreiertes Menü, ein sog. Happy Meal isst. Die Arbeit ist mit poppigen, islamischen Kindergesängen unterlegt, die dem Lob Allahs dienen. Die Arbeit konfrontiert nicht nur zwei gegensätzliche Konzeptionen von Kindheit, die westliche mit ihrem konsumeristischen Pragmatismus und die östliche mit ihrem auf das Jenseits gerichteten Heilsversprechen, sondern sie deutet auch die Dimension einer ‚dritten Kultur’ an: Das Verhalten des kleinen Mädchens spricht von einer Symbiose dieser beiden Konzeptionen, so dass eine ganz neue Kultur entstehen kann.

Caution, 2004
Eine Gemeinschaftsproduktion mit Mieke Bal
Video, 9:08 min, color/sound

Im Video Caution verwirrt ein durch sein Auftreten und seine Kleidung als Migrant erkennbarer Mann amerikanische Studenten, indem er mit einem europäischen rot-weißen Absperrband einen Teil des Campusgelände abteilt. Die Studenten sind weniger von der für sie nicht einortbaren Aktion irritiert, als vielmehr von der Tatsache, dass sich jemand erdreistet in ‚ihre’ Gelände, das an sich ein öffentlicher Raum ist, einzudringen. Genau diese Reaktion will Entekhabi hervorrufen. Die Studenten, die das Eindringen des Migranten in den von ihnen als ihren Raum begriffen Campus, als Störung empfinden sollen durch die Aktion auf ihre verquere Sichtweise des öffentlichen Raums aufmerksam gemacht werden.

"i?", 2004
video, 4:17 min, color/sound

"i?" besteht aus zehn Episoden, in denen ein Tag aus dem Leben des Protagonisten O, gespielt von Shahram Entekhabi, erzählt wird. Das Video ist in Anlehnung an den Film Film von Samuel Beckett mit Buster Keaton in der Hauptrolle entstanden, den bereits Gilles Deleuze um Beleg seiner Unterteilung des Bewegungs-Bildes in Aktionsbild, Wahrnehmungsbild und Affektbild heranzieht. Wie sein Vorgänger Film behandelt "i?" den Komplex von Blicken und Erblickt-Werden, von Beobachtung und Wahrnehmung, in Reflexion auf das berühmte Diktum des irischen Bischofs Berkeley: "Esse est percipi" (Sein ist Wahrgenommen-werden). In Entekhabis Interpretation des Themas jedoch wird der Komplex um Selbst- und Fremdwahrnehmung erweitert durch eine migrantische Perspektive und die Frage nach Identität zwischen zwei Kulturen. Somit wechseln im Film die Perspektiven des Protagonisten und der Kamera beständig ab, bis auf die Schlussszene wird jedoch das Gesicht des O (und seines später auftauchenden ‚Zwillings’) niemals gezeigt. In einem geschlossenen Kreislauf beginnt und endet der Film in der Wohnung des Protagonisten, wobei die Handlung jeweils um das Spiegelbild des O kreist.

"i?" und Caution sind Arbeiten aus der mixed media Reihe: Migrant-media.


Jakup Ferri

Geb. 1981

Der junge Künstler stellt sich die Frage: „Bin ich vielleicht zu spät, weil alles gesagt und getan ist?" Eine lästige und entmutigende Frage, so könnte man sagen, besonders in Ländern, die selbst ‚zu spät’ sind. Erstaunlicherweise wird Jakup Ferri von dieser ‚Verspätung’ inspiriert und konstruiert eine Poesie des Spotts. Wir sind zu spät, was soll´s? F. Bacon sagte einmal, dass der Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht, weiter sehen kann als dieser. Wenn wir unglücklicherweise die Zwerge unserer Vorfahren sind, haben wir noch immer das Recht zu sein, was wir sind, oder zumindest das Recht, uns gegenseitig zu verspotten, nicht wahr?

In dem Video Jakupi ... hört der Künstler einer Performance von Yoko Ono und John Lennon zu, die einander bei ihrem Namen nennen, und ruft dann seinen eigenen Namen: „Jakup! Jakup!" Vielleicht lässt er das alte Sprichwort „Nomen est Omen" wieder aufleben? Oder, noch besser, sucht er womöglich nach dem Platz, den die ‚Verspäteten’ unter den Stars einnehmen?

In dem Video Don't tell to anybody zählt Ferri die Reiskörner in einem Kilo Reis. Im Mittelalter stritten sich Gelehrte darüber, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen. Ohne Erfolg. Gelehrte des heutigen Materialismus zählen Reiskörner, auch ohne Erfolg. In der Arbeit mit dem Titel Made in Kosova (for love's sake) bringt Ferri erneut das schreckliche Gefühl zu spät zu kommen zum Ausdruck. In Osteuropa wird der Künstler heute weder vom Staat noch vom Markt unterstützt. Er kann von dem Erfolg eines Künstlers wie Jeff Koons nur träumen. Ferri findet eine Möglichkeit, diesen Traum zu verwirklichen. Er beschließt, Toilettenpapier mit Koons Namen darauf zu produzieren. Der Hintern dieses jungen Künstlers verspottet daher alles: den Kosovo, der so gut wie nichts produziert, die Not der Künstler, die zu spät sind, den spirituellen Stillstand und die Stippvisite der westlichen Kunst, Koons' Fähigkeit, die Reichen zu verspotten und zu schröpfen ...
Shkëlzen Maliqi, Deutsch von Birgit Herbst

Kurze Zündschur, langer Atem
Keine Cinderella-Märchen im Kosovo
von Antje Mayer

Das Marx'sche Diktum, wonach die kulturelle Entwicklung eine Folge der ökonomischen ist, scheint hier nicht ganz zu stimmen: Im (ehemaligen) Pulverfass Kosovo, in dem jeder zweite Erwerbsfähige arbeitslos ist und man pro Jahr durchschnittlich keine tausend Euro verdient, entsteht derzeit eine der spannendsten Kunstszenen der Balkans.

Antje Mayer hat das ‚Land der Amseln’ bereist, stellt die wichtigsten Locations und Institutionen vor und lässt den EXIT-Mitbegründer Erzen Shkololli aus Peje über sein ‚Best of’ der Künstler der Region sprechen. Um gleich am Anfang nicht allzu viel Balkan-Romantik aufkommen zu lassen: Die Lage im Kosovo gilt nach wie vor als ‚angespannt’. Von Reisen dorthin auf eigene Faust ohne ortsansässigen Führer wird abgeraten. Ein Trip mit Unterstützung eines Einheimischen oder einer Institution ist hingegen unbedingt zu empfehlen. Denn trotz der widrigen Umstände - oder vielleicht gerade deswegen - gibt es hier eine der spannendsten Kunstszenen des Balkans. „Die Künstler dieser Region sind unglaublich stimulierend, nicht zuletzt, weil sie eine gesellschaftlich-politische Verantwortung verspüren für das, was in ihrem Land passiert", meint Katrin Klingan, künstlerische Leiterin von relation, einer Initiative der Deutschen Kulturstiftung des Bundes (Berlin). Und was passiert in diesem Land, das eigentlich gar kein Land, kein unabhängiger Staat ist? Genug. Wer beispielsweise lebensmüde ist, sollte mit einem serbischen Autokennzeichen durch die Hauptstadt Prishtina fahren. Dass er dabei gelyncht würde, „zumindest sein Auto zu Schrott getreten, ist zumindest nicht unwahrscheinlich", so meinen Einheimische. Sogar die Gastfreundschaft der Kosovaren hat ihre Grenzen. Die Beziehung zu den Serben, so könnte man vorsichtig diagnostizieren, ist immer noch "emotional sehr aufgeladen".

Vom Verlassen der asphaltierten Straßen wird abgeraten, so das Auswärtige Amt, nicht weil gar gelyncht würde, nein, sondern wegen der Minen. Überhaupt ist eine Nachtfahrt derzeit immer noch keine sehr gute Idee. Auch wenn die UCK, die kosovarische Befreiungsarmee, ihre Waffen inzwischen offiziell abgegeben hat, „liegen unter den Betten, den Schränken und in den Garagen der Kosovaren noch so viele Waffen, dass man damit eine Armee ausrüsten könnte", sagt Enver Hasani, Professor für internationales Recht an der Universität von Prishtina. „Von Normalität kann derzeit keine Rede sein. Nicht zuletzt deswegen, da man kaum auf eine politische und demokratische Tradition referieren kann. Aber man diskriminiert die Kosovaren, wenn man behauptet, sie seien von den alten Clanstrukturen noch zu stark geprägt. Die Blutrache wird, entgegen Gerüchten, kaum noch praktiziert, nur noch im Norden des Kosovo. Auch die Rechte der Frauen werden zusehends verbessert." Eine medizinische Versorgung nach westeuropäischem Standard ist dagegen nicht gewährleistet, da die Krankenhäuser nur über veraltete Ausrüstung verfügen. Auch kann man nicht davon ausgehen, in den Hotels durchgehend über fließendes Wasser und Strom zu verfügen.

KFOR-Soldaten sind derzeit insgesamt 40.000 aus 28 Staaten im Land stationiert. Bei geschätzten über zwei Millionen Einwohnern kommt somit ein Soldat der internationalen Friedenstruppe auf 25 Kosovaren. „Eine derartig große Präsenz ist nicht nur zum Schutz der Kosovaren vor den Serben nötig", erläutert ein Presseoffizier der deutschen KFOR-Truppen, „sondern leider auch zum Schutz der serbischen Minderheit vor den Kosovaren, deren Zündschnur im Allgemeinen als sehr kurz gilt, wie die Unruhen mit mehreren Todesopfern im März 2004 gezeigt haben. Aufgebrachte Kosovaren hatten Häuser der serbischen Minderheit und das serbische Erzengel-Kloster in Prizren niedergebrannt." Die Hälfte der Bevölkerung des Kosovo ist unter 20 Jahre alt. Überall sieht man Jugendliche, die die Bürgersteige, Cafés und Plätze der Städte bevölkern. Viele von ihnen verfügen offensichtlich über unglaublich viel Zeit. Die Arbeitslosigkeit beträgt offiziell immerhin zwischen 70 und 80 Prozent. Wenn die jungen Leute könnten, würden die meisten sofort emigrieren. Nur – mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 100 Euro kommt man, selbst im Kosovo, nicht weit. Ein Schengen-Visum erhält man, wenn überhaupt, nur mit großem Aufwand, Geld und Beziehung. Der junge Künstler Albert Heta hat das Thema der Isolierung in einer Performance thematisiert. Auf echten Werbeplakaten von British Airways, die in ganz Prishtina für billige Sommerflüge in europäische Hauptstädte lockten, affichierte er in einer illegalen Kunstaktion den gefälschten Schriftzug „Visum is not required". Die Fluglinie bemerkte den peinlichen ‚Angriff’ erst nach einem halben Tag.

Wenn British Airways für hippe Städtereisen in die EU werben können, dann ist auch Geld vorhanden, trotz hoher Arbeitslosigkeit. Es kommt aus der Schattenwirtschaft und von der kosovarischen Diaspora, die vor der jahrzehntelangen Unterdrückung durch die Serben vor allem nach Deutschland, in die Schweiz und nach Österreich geflohen ist. Die schickt Geld, damit der Familienclan zu Hause einen gebrauchten VW-Golf kaufen und - vor allem - Häuser bauen kann. Immerhin 120.000 wurden während der Vertreibungen durch die Serben zerstört oder niedergebrannt. Überall, soweit das Auge reicht, wachsen somit erstens unzählige Tankstellen im Las-Vegas-Design und zweitens Wohnhäuser, besser Rohbauten, wie Pilze aus dem Boden. Sie scheinen wie zum Trotz einen Neuanfang anzukündigen. Physikalischer Raum, keine Architektur im eigentlich Sinne, im ‚Copy and Paste’-Stil, der weder auf die eigene noch auf irgendeine andere Baugeschichte referiert: vier Ziegelwände, Satteldach, Fenster, eine Tür. Das war's.


Lisl Ponger

geboren 1947 Nürnberg. Lebt in Wien. Arbeitet mit Fotografie und Film.Thematik: Frage nach dem Zustand von Orten; Fotografien vom Abwesenden und zeitlich Verrückten.

2000 Dokumentarfilmfestival München; Filmfestival Rotterdam; Dokumentarfilmfestival Duisburg
2002 documenta 11, Kassel: "Sommer in Italien", Fotoarbeit zum G8 Gipfel in Genua (2001)
2002 Routes - Imaging travel and migration, Kunstverein Graz
2003 Organisational Forms Skuc Gallery, Ljubljana
2004 Die Regierung, Kunstraum der Universität Lüneburg
2004 Interventionen gegen Rassismen, IG Bildende Kunst, Wien
2005 STATE OF THE ART State of Sabotage, Wien

Phantom fremdes Wien, 1991/2004
Super 8 auf Video, 27 min

In den Jahren 1991 und 1992 hat Lisl Ponger im Zuge einer multikulturellen Weltreise, bei der sie die Stadt Wien doch nicht verlassen hat, mit viel Akribie Super 8-Aufnahmen von Festen, Hochzeiten und Tänzen gesammelt. Ging es ihr zunächst um eine Sichtbarmachung von im öffentlichen Stadtbild schlichtweg nicht existierender kultureller Vielfalt, so stellt der Rückgriff darauf – aus gut zehnjähriger Distanz – gerade diesen Akt der Visualisierung wieder in Frage. „Was sehe ich eigentlich?", heißt es an einer Stelle des von Ponger selbst gesprochenen Off-Kommentars, und nicht nur daran wird deutlich, wie bewusst sich der Film der Problematik des Umgangs mit dem ‚Ethnischen’ ist. Scheint doch in jedem Akt der Sichtbarmachung unweigerlich die Tendenz mit angelegt zu sein, auch das Flüchtige und Diasporische in ein fixes, stereotypes Bild zu bannen.

Dabei inszeniert Ponger mehrfach doppelbödig: In Form von Tagebucheintragungen weist sie die Begegnungen mit dem Multikulti-Wien der frühen neunziger Jahre als zutiefst subjektiv aus – jeder Form von objektiver Kategorisierung wird von Anfang an eine Absage erteilt. Gleichzeitig macht sie sich mit Bravour auf die diskursive Suche nach möglichen Ordnungskriterien, die dem Karnevalesken und Überbordenden dieser Bilder irgendwie gerecht werden und gleichzeitig dem Film eine Struktur geben könnten. Selbstreflexiv und ironisch spielen der Kommentar und der darauf abgestimmte Schnitt allerlei Kategorien durch, von äußerlichen Faktoren (Chronologie der Aufnahmen) über thematische Bezüge (Kulturgeografie) bis hin zu Formfragen (Farben, Licht-Schatten-Verhältnisse, Film-Ton) und nicht zuletzt – ‚sich selbst erklärenden Kategorien’ (ein als Weihnachtsmann verkleideter Finne).

Die Selbsthinterfragung mündet schließlich in ein permanentes (selbstkritisches) Abschweifen, mit der jegliches ‚Framing’ des Fremden hier letztlich ad absurdum geführt wird. Gleichzeitig breitet sich unter dem ständigen Gleiten und Entgleiten der Kategorien ein weites, differenziertes Formenspektrum aus (Tänze, Bewegungen, Kleidung, Masken, etc.) – eine konsequente ‚Spektralisierung’, die das Phantom weder greifbarer noch gefügiger macht.
Christian Höller

Ein taiwanesisches Tanzfest, ein nigerianischer Erntedank, eine türkische Hochzeit, der Staatsfeiertag der Elfenbeinküste, ein thailändisches Neujahr, ein Treffen der Roma, ein Saufgelage unter Tschechen: Nahezu jedes Land, jede Kultur, jede Ethnie ist in einer mitteleuropäischen Großstadt wie Wien vertreten, verfügt über Formen und Konventionen der Zusammenkunft und der Bewahrung von Identität. Die Menschen treffen einander in Kongresshallen und Hinterzimmern, in Restaurants und Gotteshäusern. Lisl Ponger hat in den Jahren 1991-92 eine systematische Suche nach dem ‚Fremden Wien’ unternommen. Über ihre Begegnungen hat sie ein Tagebuch geführt. Elf Jahre später schneidet sie aus ihrem Material einen Film, in dem die Ergebnisse ihrer teilnehmenden Beobachtung (meistens mit einer Super-8-Kamera, manchmal nur mit einem Tonaufnahmegerät) nach verschiedenen Kategorien geordnet werden: Visuelle wie technische wie ‚anthropologische’ Motive spielen eine Rolle. Aus dem Off spricht die Filmemacherin über ihre Ordnung der kulturellen Dinge, die sich als fundamental ‚zusammengesetzt’ erweist: Ein Mönch schlägt die Trommel, ein Fluss rauscht, das Bild und der Ton entstammen unterschiedlichen Feldern. Phantom Fremdes Wien ist die Dekonstruktion geläufiger ‚Völkertafeln’: Nicht die charakteristische Geste, das typische Kostüm, das unverwechselbare Musikstück stehen im Zentrum (der Beweis für die Essenz einer Gruppe), sondern die vielfältigen Formen des Übergangs und der Montage. Repräsentation wird zu einem offenen Prozess, das fremde Wien bleibt – bei aller Nähe – ein Phantom.
Bert Rebhandl

Zum Film ist eine Publikation erschienen:
Lisl Ponger - Phantom fremdes Wien
mit Texten von Tim Sharp und einem Gespräch zwischen
Ljubomir Bratic, Anna Kowalska, Lisl Ponger und Tim Sharp
Farbabbildungen. hartgebundene Ausgabe, 207 Seiten
erschienen im Wieser Verlag für 12,95 Euro


Daniel Gad

geb. 1977, Studium der Kulturwissenschaften von 1998 bis 2005.
„Der Film ist meine erste Produktion. Idee, Regie, Kamera und Schnitt im Ein-Mann-Team. Als Vielreisender ist das Thema Migration seit langem präsent.“

Jede wächst Blume wächst nicht überall, 2005
Video, 9:40 min
Wo ist mein zu Hause? was ist meine Heimat? Welcher Kultur gehöre ich an? Darf ich diese ausleben? Was bedeutet es, diese Kultur zu leben? Diese Fragen stellen sich für viele Menschen rund um den Globus – unentwegt. Emigration-Imigration-Migration. Woran und wie orientiert sich der Mensch darin? Fremde und Nähe treffen aufeinander. In allem was man tut und erlebt. Wann und wie integriere ich mich? Wodurch kann dies scheitern? Wie lebe ich meine Kultur in einer anderen? Was lasse ich fallen, was behalte ich?

Und am Ende: wie sieht meine kulturelle Identität aus? Was muss ich tun, um sie nicht zu verlieren? Oder schaffe ich nicht unentwegt eine Neue?


Sislej Xhafa

geb.1970 Peja/Albanien, Kosovo, lebt und arbeitet in Bologna und New York
Fotografie, Video, Zeichnungen, Installationen, Performances Fokussierung des Phänomens der Illegalen Einwanderung: "Illegal aliens are the power of tomorrow"
1994 Spazio Tempo, Florenz
1997 Biennale Venedig; Gallery of Modern Art, Bologna: "Game"
1998 Jelly Bits, Bologna
1999 Placentia Arte, Piacenza; Atlante, MACS, Sassari
2000 Manifesta 3 Ljubljana
2001 Biennale Istanbul - Italien; Tirana Biennale; Galleria Laura Pecci, Mailand; PS1, New York: "Uniform"; SMAK Museum, Gent
2002Gwangiu Biennale: Fondazione Teseco, Pisa
2003Postplatz Dresden - Public Sampler Projektion, Dresden.
2004 OUR HOUSE IS A HOUSE THAT MOVES Skuc Gallery, Ljubljana
2005 Identity&Nomadism Palazzo delle Papesse, Siena

51. Biennale Venedig 2005 Biennale Venedig

Skinheads swimming, 2003

Skinheads Swimming is the title of Sislej Xhafa's second solo show at Galleria Laura Pecci. Simultaneously, a Xhafa show called Heavy Metal will be shown at the GAMeC in Bergamo, in the Project Room "Eldorado". The silence of a dry faucet in the middle of an empty space is contrasted by a video projected in the adjacent room. Its images show two skinheads submerged in the cascading waters of the Trevi fountain, Rome's pompous symbol of the dolce vita.

The Xhafa installation is an invitation to explore the contradictions of contemporary society. Stereotypes of prejudice and violence, the skinheads are observed in a completely different aspect of their being. In the first rays of dawn, in the silence of the city that is still asleep, the two young men gracefully enter the water and engage in childish games. This is almost a demonstration of how senseless it would be to try to wash away the "filth" from this part of humanity. Meanwhile, the faucet without water continues to refer us back to the more conventional aspects of an arid, emotionless existence.

Stock exchange, 3' 50 Min., 2000

In the midday hustle and bustle of the Ljubljana train station, Xhafa poses as a Wall Street trader. Undeterred by the bemused or confused occasional passerby, Xhafa treats the station's itinerary placard as a stock index, urgently gesticulating with pen and paper, announcing the destinations as commodities, and the arrival and departure times as their ever volatile prices. Although simple, Xhafa's Fluxus-like performance reveals the complexity of globalization, namely that places do indeed have value. There are winners and losers in the migratory flow of commerce as one country might secure a coveted free trade agreement with the U.S. while another might experience a sharp drop in its Gross National Production as its factories relocate.

Sislej Xhafa at the Venice Biennial
Cuisine One of Kosova's most exciting artists, Sislej Xhafa, will represent Kosova at the 2005 Venice Biennale.

The exhibition in the Kosovar Pavilion will be a personal investigation of themes at the heart of Xhafa's art.

While understanding that contemporary art is in a permanent state of rebellion against deceiving concepts and ideologies, Sislej Xhafa builds up a special strategy to rebel and challenge the modern age society which is attempting to corrupt art by embroiling it under the trail of consumerism and pleasure, and under the control of the god of all gods-profit.

Starting even from his early works, Xhafa uses the prejudiced image of "the other"- the bad one and the weak one, the denizen and wanderer, the foreigner who is perceived as a danger to the safety and wellbeing of westerners. Just like the feminist theoreticians and activists, or other groups fighting for the rights of marginalized ethnic and interest groups, who had used the strategy of twisted concepts to raise awareness on the dominating prejudices in their respective societies, even in countries that are considered more democratic and advanced (the prejudices of the machoism, racism, etc), so has the image of the Albanian immigrant (and also Arab and African) in Italy and wider in Europe, been prejudiced as a creature with criminal predispositions-a bad person, a thief, a rapist, backward, perturbing etc. Xhafa uses these prejudiced images to challenge and aggravate racist concepts-concepts for which the majority is not so conscious about.

The heroes in Sisli's works are ‘negative’ individuals-thieves, huligans, criminals-whom he praises and for whom he raises ‘statues’ for. He addresses these monumental images to those with an impure consciousness on both sides of the isle-to the impervious and arrogant western culture, as well as to the frustrated and indifferent cultures of the east.

In the last decade, Kosovar art was marked by interesting and surprising developments in both of its scenes-scenes separated and isolated from the world for a long period of time. In Kosova, a new generation of artists has emerged that strongly challenges not only the local art scene but the international one as well. These "proletarians of contemporary art", as the critic Edi Muka dubs them, are truly a phenomenon in themselves-a phenomenon of rebels with a cause.

Xhafa and his generation hammer the audiences with images and concepts of a vitality long forgotten or repressed by western conscience.